Seit 300 Jahren läuten die Kirchenglocken vom St. Andreasberger Glockenturm

(
links): St. Andreasberg während des großen Brandes am 8./9. Oktober1796,
bei dem in 12 Stunden 249 Häuser sowie die öffentlichen Gebäude, Schulen,
Rathaus und Kirche Opfer der Flammen wurden. Archiv J. Klähn
(rechts): Links neben der Zeichnung ist eine Randnotiz angebracht von Maschinendirector
Mühlenpfordt: „Qu: ob nicht etwas viel unnütze Verzierungen, wo sie doch fast
niemand sieht!" (Qu = Quaestio = Frage).
Im Jahr 1688 wurde ein Glockenturm neben dem bestehenden Glockenhaus errichtet. Das ergibt sich aus einer kürzlich aufgefundenen Baurechnung im Landeskirchlichen Archiv. Dort fand sich auch eine Bauzeichnung von 1833 mit der uns vertrauten Ansicht. Zwei Jahre später, also 1835, wurde der baufällige Turm abgerissen und an gleicher Stelle um den alten Glockenstuhl herum ein neuer Turm errichtet.
Die Wetterfahne auf dem Wahrzeichen der Bergstadt St. Andreasberg zeigt zwar die Jahreszahl 1792. Aber bisher ließ sich kein Beleg dafür finden, das in diesem Jahr der Glockenturm gebaut oder wenigstens renoviert worden wäre. Außer einem alten Zeitungsartikel, der angibt, 1792 sei in dem 1560 errichteten Turm das Gestühl für die Glocken eingebaut worden. Das kann so nicht stimmen, denn die Jahresrechnungen der Kirchengemeinde, die damals auch die Unterhaltung des Glockenturms enthielten, lassen keinen Hinweis darauf erkennen.
Aus Rechnungen und Unterlagen im Landeskirchlichen Archiv Hannover, ehemals Akten der Berghauptmannschaft, kann nun die Entstehungsgeschichte des Glockenturms weitgehend aufgeklärt werden. Dort befindet sich nämlich ein
„
Register über Einnahme und Außgabe so auff die hiesige Neue Orgell, Kirchen Bau, Neuen Klocken Thurm, Neuen Haußkeller, Neue Klocke.
und Hospital angewandt und außgeben von Anno 1681 biß 1692".
Wo ein „neuer" Glockenturm gebaut wird, muß wohl auch ein alter gewesen sein. Tatsächlich zeigen die beiden Kupferstiche der Bergstadt aus den Jahren 1606 und 1637 einen Turm auf dem Glockenberg. Genau besehen ist es allerdings nur ein Dachreiter auf einem Haus. Ob dessen Entstehungsjahr tatsächlich 1560 ist, wie es der o. g. Zeitungsartikel sagt, bleibt offen; in Honemanns „Alterthümer des Harzes" steht nichts darüber. In diesem Dachreiter hing eine kleinere Glocke, die hauptsächlich der Feuerwarnung diente.
Wahrscheinlich waren es mehrere Gründe, die zu dem Entschluß führten, Kirchen- und Feuerglocken zu einem Geläut in einem neuen Turm zusammenzufassen:
-Die Feuerglocke im Dachreiter war gesprungen und mußte ersetzt werden.
-Der Kirchturm war offenbar baufällig geworden. Er ist dann wahrscheinlich noch vor 1700 abgerissen worden; 1767 konnte man sich kaum mehr an ihn erinnern.
-Nachdem der Ostteil der Bergstadt im jetzigen Wäschegrund praktisch verschwunden war (Honemann III §65), war der Glockenberg für die Glocken der günstigere Standort.
Das tatsächlich ein neuer Turm an neuer Stelle errichtet wurde, wird durch die Position 2 der Baurechnung von 1688 erwiesen:
„den Grund zum Klockenthurm zu suchen und die Erde heraus zu bringen ..." Die Baurechnung zeigt weiter: der Turm war holzbeschlagen, war mit Blei gedeckt, als Spitze erhielt er Knopf und Fahne. Die Baukosten betrugen insgesamt 350 thlr 17 ggl 9 . Sein Aussehen läßt sich aus der Zeichnung vom großen Brand erahnen (Abb. 1).
Zwei Glocken wurden in den Turm gehängt. Die eine, sicher die große Glocke, wurde aus der Kirche herübergeschafft (die Rechnung vermerkt die Namen derer, die dabei zugefaßt haben). Die andere wurde für 283 thlr 5 ggl 2 neu angeschafft. Die alte zersprungene Glocke aus dem Dachreiter des Glockenhauses wurde zerschlagen. Das hat offenbar manchen Schweiß gekostet: „
Als die Klocke entzwey geschlagen, ist dabey vertrunken 2 Kannen Bier — 1 ggl 4 ". 1689 wurde auch eine Uhr installiert.
Der Kirchturm indessen hat nicht einmal mehr die Schwingungen der kleinen Schlagglocke ausgehalten. Sie wurde gleichzeitig umgehängt, und zwar auf den Dachboden der Kirche. Da war sie natürlich schlecht zu hören, so daß man bald überlegte, einen Dachreiter statt des Kirchturms zu errichten. Dazu ist es aber bis zum großen Brand nicht mehr gekommen. Der alte Dachreiter auf dem Glockenhaus indessen, obwohl nun ohne Funktion, blieb zunächst erhalten und wurde mit Holzdielen beschlagen. 1733 wurde dann das Glockenhaus völlig neu erbaut.
Dreißig Jahre später bekam die große Glocke einen Riß. Nach einigem Hin und Her bekam der Gießer Kehl, anscheinend ein wandernder Handwerker, den Auftrag zur Reparatur. Aber der Riß muß bald wieder aufgetreten sein, denn 1797 wurde eine neue Glocke gegossen. Sie enthielt auf der Vorderseite neben der Jahreszahl die Namen der Repräsentanten der Bergstadt und des Halberstädter Glockengießers Gettwerth, auf der hinteren Seite die Inschrift
(Text von J. Klähn mitgeteilt):
„
Ich bin ein stummes Werk
doch wenn man mich berührt
So wird mein sanfter Ton
gleich weit und breit gespürt
Ich stehe zu Befehl zum Beten Trauren Freuden
Mein Schall erhebet sich
in Krieg und Friedes Zeiten
Droht Feur und Gefahr und man beweget mich
Mach ich es gleich bekannt
dann bin ich fürchterlich
Der Herr behüt mich das ich in vielen Jahren
Das was bisher geschehn
nicht wieder mag erfahren
Er lasse diese Stadt und Bergwerk wohl gedeihn
Damit ein Jeder sich mag seiner Güte freun.
Glück Auf."Im Jahr 1767 entsteht ein Streit zwischen Stadtverwaltung und Kirche, wer die Kosten für die Renovierung des Glockenturms zu übernehmen habe. Die Stadt verweist darauf, daß die Glocken kirchlichen Zwecken dienen, die Kirchengemeinde kann sich darauf berufen, daß die Bergstadt seit Menschengedenken die Kosten für den Glockenturm übernommen hat (Actum vom 24. 10. 1767). Bei diesem Herkommen ist es dann offenbar geblieben.
Kaum 150 Jahre alt war der Glockenturm, als auch Reparaturen nicht mehr halfen, ihn zu erhalten. Ein Kostenanschlag vom 7. 4.1833 enthält die Anmerkung: „Der jetzige Glockenthurm ist total faul und muß bis auf den Grund abgenommen und neu gebaut werden." Im nächsten Jahr hatte man bereits Sorge, das Gebäude über den Winter zu retten: „Der Glockenturm ist so schadhaft, daß er neu gebaut werden muß. Der Bau hätte schon im vorigen Jahr geschehen müssen, wenn man sich nicht vor der bedeutenden Ausgabe gescheut hätte. Jetzt wird der Glockenturm nur mit Mühe vor dem Einsturz bewahrt werden können." (Schreiben vom 2. 8. 1834)
Ein Jahr später endlich konnte der Neubau vollzogen werden, wobei der Glockenstuhl mit den Glocken erhalten blieb. Die veranschlagten Baukosten betrugen 321 rth 17 ggl 8 . Ausschlaggebend für den Baubeginn war Maschinen-director Mühlenpfordt, der Erbauer der Martini-Kirche. Auf die Bauzeichnung von 1833 (Abb. 2) notierte er die Forderung, die unnützen Verzierungen wegzulassen, was dann auch geschehen ist.
Die weitere Geschichte ist schnell erzählt: 1883 erhielt der Glockenturm ein neues Uhrwerk. Die alten Bronzeglocken wurden im Ersten Weltkrieg eingezogen und zur Herstellung von Kanonen verwertet. Sie wurden 1920 durch drei Stahlglocken ersetzt, die vom Bochumer Verein gegossen sind.
Eigentlich sind all diese Einzelheiten ja nur darum interessant, weil der Glockenturm zu den Gebäuden gehört, die das Bild der Bergstadt prägen und beherrschen, weil er schon von weitem den Blick auf sich zieht und das Ziel unzähliger Spaziergänge ist. Der Glockenberg ohne Glockenturm? Unvorstellbar!
Rudolf Stiens, Hildesheim:
Rudolf Stiens war Pastor der Martini-Gemeinde St. Andreasberg von 1976 bis 1987.Co: Harz Berg Kalender 1989