Eigene Erzählung
Von Karl-Heinrich Weidemeier, Sankt Andreasberg
Ein eigenes Bergwerk
Als wir Kinder waren, haben wir meistens im Wald und im Dickicht dort gespielt, wo
andere Leute normalerweise nicht hingekommen sind.
Als wir noch bei Herrn Adolf Bollman in der Goslarschen Straße gewohnt haben, trafen
wir Kinder uns immer auf dem Kirchplatz, wo wir allerhand Unfug machten und neue
Streiche ausheckten. Meistens zogen wir durch den Wäschegrund hinauf zum Beerberg,
wo überall Stollen, Schächte und alte Pingen (bergbauliche Versuchsbauten) zu finden
waren.
Ein ganzes Stück den Hohlweg hinauf, ein wenig im Dickicht drinnen, hatten wir ein
großes Loch in der Erde entdeckt. Eine alte Pinge, fast fünf Meter tief, bei der sich
der Seite zum Matthias-Schmidt-Berg hin eine senkrechte Felswand erhob.
Diese Felswand hatte unsere Fantasie beflügelt.
„Das ist eine fantastische Fläche, an der man ein neues Mundloch ansetzen
könnte!"
Eine neue Idee war geboren und wurde denn auch sofort in die Tat umgesetzt. Es wurde
beschlossen, hier einen Stollen anzusetzen und auch vorzutreiben.
Bereits am anderen Tag wurde zum Aufbruch geblasen. Gleich nach der Schule trafen
wir uns - wieder eine ganze Menge Jungen - auf dem Kirchplatz. Von zu Hause wurden
spitze und auch breite Meißel sowie verschiedene Hämmer und Fäustel mitgebracht.
Das Werkzeug unter dem Arm, begaben wir uns hinüber zum Beerberg.
Der Stollen musste auf der Felsplatte angerissen werden. Wie groß, das war nun die
Frage.
Wir mussten ja mindestens aufrecht stehen und auch arbeiten können. Das Mundloch
wurde einen knappen Meter breit und eineinhalb Meter hoch, mit einem oberen Bogen,
angerissen. Zunächst konnten noch zwei Jungen arbeiten, weil der eine rechts un
andere an der linken Seite den Meißel (Eisen) ansetzte.
Mit unserem schlechten Werkzeug, stumpfe, oben breit geschlagene und schon runde
Eisen, alte Fäustel und Hämmer, wurde das Arbeiten zu einem „wirklichen Genuss!"
Nach einer halben Stunde war überhaupt noch nichts zu sehen. Der vorgenommene
Schichtwechsel brachte auch keinen größeren Erfolg. Am späten Nachmittag zogen wir
wieder nach Hause. Glücklicherweise waren die Hände heil geblieben. Das Werkzeug
wurde in der Nähe im Dickicht versteckt und mit ausgerissenem Gras bedeckt.
In der Schule wurde nichts erzählt. „Unser Bergwerk" war eine Geheimsache.
Am anderen Tag ging es mit Schwung und frohem Mut wieder hinauf zum Beerberg.
Nach fast zwei Sunden hatte die Euphorie schon nachgelassen. Der Hermann hatte sich
auf den Finger geschlagen. Die Fingerkuppe war aufgeplatzt und mit fünf Taschentüchern
musste das Blut gestillt werden. Der Hermann bekam zu Hause von seiner
Mutter zunächst einmal eine Ohrfeige, weil er sein Hemd mit Blut beschmiert hatte. Als
sein Vater erfuhr, dass er auch noch Eisen und Schlägel mitgenommen hatte, gab es eine
Tracht Prügel, die sich wirklich gewaschen hatte.
Und nun muss ich noch darüber berichten, was mir selbst nicht erinnerlich ist. Ernst-
August König erzählte mir kürzlich, dass wir bei dem Vortrieb auch einmal sprengen
wollten. Mein Bruder war der Meinung, wir hätten mit Karbid gefüllte Flaschen zusammen
mit Wasser verwendet. Ein anderer erzählte aber auch etwas von Sprengpatronen,
die man irgendwo aufgetrieben und mitgenommen hatte.
Alles schön und gut. Mit dem Sprengen muss es wohl auch nicht so richtig geklappt
haben. Nach etwa vierzehn Tagen, vielleicht auch nach drei Wochen, wurde aufgegeben.
Kürzlich habe ich die alte Pinge noch einmal besucht, bin hinuntergeklcttert, um das
neue Mundloch noch einmal in Augenschein zu nehmen. Ich konnte dort nur noch eine
kleine Rille sehen, die wir vor mehr als 60 Jahren aus dem Felsen herausgeschlagen
haben.
Wer es nicht weiß, wird an dieser Stelle von dem ehemals geplanten „großen Mundloch"
heute nichts mehr sehen.
Vrzehlich
Ä ähngnes Barwerrich
S: Karl-Heinrich Weidemeier. Bergstadt Sankt Andreasberg Wie mir Kinnr warn, hähn mr mehrschtns in Wald un in dr Heck dortn geschpieelt, wu
annere Leit normolerwähs nett hingekumme sänn. Wie mir noch uhm bein Bollmanns Adl in dr Goslarschn Schtrohß gewuhnt hahn. trohfn
mr Kinnr sich immr off dn Karrichplatz, wuhmr denn allerhand Unfuhch triem un neie
Schträhch aushecktn. Mehrschtns machtn mr sich dorring Wäschbarrich nauf off dn
Bäärbarrich, wu allerwahng Schtolln, Schächt un alte Pinge ze findn warn. Ne ganse Eck dn Huhlwahch nauf, ä Schtickl in dr Heck drinne, hottn mr ä gahtliches
Loch in dr Ahrd entdeckt. Ne alte Pinge, balle finnef Metr tief, bei dar sich ahn dr Seit
nohng Mattschmiet hin, äne luhtrachte Falswand huhchreckte. Disse Falswand hotte
unnern Gähst ähngerehcht. Dos is äne schiene Eck, wuhmr ä neies Mundloch änsetzn
kennte! Ne neie Idee war gebuhrn un wuhr denn ahch schtandepee in dr Tat imgesetzt. Es wuhr
beschlossn, ahn dissr Schteht änn Schtolln anzesetzn un ahch vierzetreim. All dn annern Tohch wuhr form Aufbruch geblohsn. Von drhämm wuhrn schpitziche un
brähte Mähßl un alle mehchling Hiimmr un Feistl ahngeschleppt. Es Gezäh untern
Arrem machtn mr sich niewer nohng Bäärbarrich. Dr Schtolln musste off dar Falsplatt ähngerissn warn. Wie gruhß, dos war de Frohch. Mr musstfi ju wehnichtns aufracht schtiehn un ahch arrebm kenne. Es Mundoch wuhr
änn knappm Metr bräht un annertrhallem Metr huhch. mit änn ewern Buhng. ahngerissn.
Zearscht kunntn noch zwähe arrebm, weil dr äne rachts un dr annere ahn dr linkn
Seit ansetzte. Mit unnern schlachtn Gezäh, schtumpe, uhm brähtgekloppte un rundgeschlähne Eisn.
alte Feistl un Hammr. machte es Arrebm zu änn - in Ähnfiehrungsschtrich - „warrekling
Genuss". Nohch nr hallem Schtunn war iewerhaupt noch nischt ze sahn. Dr viergenummne
Schichtwachsl brachte denn ahch kann gressern Arfollich. Dn schpätn
Nammittohk machtn mr sich wiedr hämm. Glicklichrwähs warn de Pfuhtn nett demelliert.
Es Gezäh wuhr off dr Nähnd in dr Heck vrschteckt un Grohs driewerwackgeschmissn. In dr Schul wuhr nischt vrzehlt. „Unner Barwerrich" war ne Gehähmsach. Dn annern Tohk gängs mit Flochch un gutn Mut wiedr nohng Bäärbarrich. Nohch zwä
Schtunne hotte de Eiphorie all nohchgelohsn. Dr Harrmann hotte sich off de Fingr
gekloppt. De Fingrkupp war vonnannrgeplatzt un mit finnef Schnupptichl musste es
Blut geschtillt warn. Dr Harrmann krähch drhämm von säner Muttr arschtemol ne
Wasch, weiler sei Hemm mit Blut vrschmärt hotte. Wie sei Vohtr hährte, dossr ahch
noch Eisn un Schlehchl mitgenumme hotte, gohs noch ä Märschl vull. ne orndiche
Rähs, drzu. Un nu kimmt wos. wudrähn iche mich sallewer nett arinnern kann. Dr Kehnichs Michl
vrzehlte mr neilich, dossmr bei dann Viertrieb ahchemol hähn schprenge wulln. Mei
Brudr mahnte, mr hättn Karbidflaschn un Wassrgenumme. Äner vrzehlte owr ahch vun
Schprengpatrune, dierer arringdwu aufgeschpieert un mitgenumme hotte. Alles schien un gut. Mit dann Schprenge musses wull ahch nett geklappt hähn. Nohch
ungefähr varze Tohch, vrlechcht ahch nohch drei Wochn, wuhr aufgegahn. Neilich höh iche diss Gruhmlehchl nochemol besuchcht, bin robgeklantert. im es neie
Mundloch nochemol ze inschpeziern. Iche kunnte dortn bluhs noch ne klähne Rill sahn,
diemr vorr meh wie sachzich Jähr ausn Falsn rausgepickert hottn. Warsch nett wess, ward ahn dissr Schteht von dann gepläntn gruhßn Mundloch heit
nischt meh sahn.