Überlieferung aus dem Harz-Berg-Kalender 1968
(Frau Grete Buntefuß-Hölling war die Tochter eines in Sankt Andreasberg zeitlebens tätigen Lehrers)
20) Aus der Schule geplaudert
Heute bemüht man sich darum, die Oberharzer Sprache vor dem Aussterben zu bewahren. Es ist erst ein Menschenalter her, da tat man manchmal das Gegenteil. Mein Vater z.B., der zeitlebens als Lehrer in Sankt Andreasberg wirkte, lehnte die Mundart wegen der grammatischen Schwierigkeiten im Deutschunterricht ab. Nichtsdestoweniger hat er manche mundartliche Kostbarkeit aufgezeichnet.
Der kleine Louis hörte mit offenem Munde von den Vögeln des Harzes. „Louis, nenne mir Vögel, die du kennst.“ Schweigen. „Sieh, da fliegen gerade welche über den Glockenberg!“ „Nein“, kommt es wie aus der Pistole geschossen, „das sind keine Vögel, das sind Raben!“ Zur Erläuterung: Für Oberharzer völlig klar. Vögel werden gefangen und als Haustiere gehalten. Raben aber nicht, insofern also keine Vögel im Oberharzer Sinn.
Dem Louis sein Banknachbar ist ein Schlingel, er braucht oft ein besonders schlechtes Wort. „Karlchen, wenn du das Wort nicht mehr sagst, kriegst du von mir einen Groschen.“ Die Antwort: „Herr Hölling, wenn ich dir ein anderes sage, dann gibst du mir sicherlich fünfzig Pfennige.“
Erdkundestunde: „Die Erde dreht sich mit allem, was darauf ist, um sich selbst. Ungläubige Gesichter. Da hebt Minchen den Finger und sagt: „Wenn mein Vater nachts vom Kaiser Ernst aus der Taube kommt, dann fühlt er, dass sich die Erde unter ihm wegdreht.“
Deutschstunde: „Ich wasche mich. Du wäscht dich, er, sie, es wäscht sich. Willi, welche Zeit ist das?“ Die Antwort: „Herr Hölling, das ist Sonntagmorgen.“
Sätze mit „sägen“ sollen gebildet werden: Der Tischler sägt. der Waldarbeiter sägt. Die Eltern sägen das Holz. „Na Lisel, du weißt noch einen Satz?“ Ihre Antwort: „Unsere Katze hat in die Stube gesägt (gepinkelt).“
Auf dem Katheder steht ein ausgestopfter Igel. Die erst ganz neu eingestellte junge Lehrerin, die noch nicht lange mit diesen Schulverhältnissen vertraut ist, die die Sprache der Kinder nicht spricht und mit der Fragetechnik noch etwas auf dem Kriegsfuß steht, fragt: „Wo hat der Igel seine Stacheln?“ Antwort: „An der rechten Seite.“ Die Lehrerin fragt weiter: „Wo noch?“ Die Antwort: „An der anderen Seite.“ „Wo noch?“ Da ruft der Hermann ungeduldig aus der letzten Reihe: „Überall hat er sie.“
Der Vater vom Fritz ist in eine große Stadt versetzt worden und die Familie ist auch schon dort. Der Junge ist todunglücklich und hat Heimweh nach seiner Schule am Kirchplatz. Die anderen Kinder verlachen ihn wegen seiner anderen Sprache, er wiederum versteht sie nicht. Eines Tages hängt ein schönes Bild an der Wand: Ein Wiesental mit vielen Tieren darin, oben am Berghang einige Tannen. Da wird Fritzchen lebendig. „Das ist ja der Totenberg und das dort der Galgenberg und dort sind lauter kleine Ziegenlämmer!“ „Junge,“ fragt die Lehrerin: „Das ist ja eine schlimme Gegend. Wo kommst du denn her?“ „Aus Sankt Andreasberg!“ ruft Fritzchen strahlend und hat seinen Kummer vergessen.
20) Überlieferung
Harz-Berg-Kalender 1968
[color=brown]Aus der Schule geplaudert Hilde Scheddin-Clages, Bergstadt Sankt Andreasberg
Heit bemieht mr sich drim, dê Ewêrhårzr Schprohch vorrn Ausschtarrêm zê bêwåhrn. Es is arscht ä Menschnlahm har, do hot mr gans gênah es Gehngtähl gêmacht. Mei Vohtr, dardê zeitlahms Lährêr in Annêrschbarrich gêwahsn is, hottê mit dr Mundårt nischt in Sinn, weil es grammatische Dorringnannr in dr Schul Schwierichkähtn machtê. Har hot ä påår gans bêsunnêrê Kostbårkähtn niedrgêschriem.
Dr klähnê Lui hährte mit offnêr Schnuht vun dê Vuhchl, dies in Hårz gitt. „Louis, nenne mir Vögel, die du kennst!“ Dr Jung macht dê Schnuht zu un såht känn Tuhn. „Sieh hin, da fliegen gerade welche über den Glockenberg!“ „Nä“, kimmts wie aus dr Pistuhl gêschossn: „Dos sänn känê Vuhchl, dos sänn *Rohm!“
*Erläuterung: Für den Oberharzer völlig klar: Vögel wurden gefangen und als Haustiere gehalten. Raben nicht - waren also keine Vögel in diesem Sinne.
Dn Lui sänn Banknabbr is ä Fiffikus un såht immr ä bêsunnrsch schlachtês Wort. „Karlchen, wenn du dieses Wort nicht mehr sagst, dann bekommst du von mir einen Groschen!“ Antwort: „Harr Helling wennich dr ä annêrês såh, denn gibbstê mr bêschtimmt fuffzich Pfeng!“
Ahrdkund in dr Schul: „Die Erde dreht sich mit allem, was darauf ist, um sich selbst.“ Allerwarts unglähwichê Gêsichtr. Do hebts Mining dn Fingr un såht: „Wenn mei Vohtr in dr Nacht von Kähsr Arnst aus dr Traub hämmkimmt, denn fiehltêrsch, doss sich dê Ahrd untêrnê wackdreht.“
Deitschschtunn: „Ich wasche mich, du wäscht dich, er, sie, es wäscht sich.“ „Willi, welche Zeit ist das?“ Antwort: „Harr Helling, dos is dn Sunntich Morring!“
Sätze mit „sägen“ sollen gebildet werden. Der Tischler sägt. Der Waldarbeiter sägt. Die Eltern sägen das Holz. „Na, Liesl, weißt du noch einen Satz?“ Antwort: „Unnêrê Katz hot in dr Schtuhb gêsähcht!“
Off dn Kathedr schtieht ä ausgêschtopptr Ihchl. Dê jungê Lährêrn, diedê arscht nei is, dê Schul noch nett kennt un dê Schprohch von dê Kinnr noch nett vrschtieht, frehcht: „Wo hat der Igel seine Stacheln?“
Antwort : „Åhn dr rachtn Seit.“ „Wo noch?“ „Åhn dr annêrn Seit.“ „Wo noch?“ Do rufft dr Harrmann ungêdullich aus dr letztn Bank: „ Allêrwahng hottêrsê!“
Dn Fritzl sei Vohtr is nohch nr gruhßn Schtadt vrsetzt worrn un dê Familich is ahch all dortn. Dar Jung is tuhdunglicklich un hot Hähmweh noch dr Schul an Karrichplatz. Dê annêrn Kinnr lachn wahng sänêr Schprohch un har vrschtieht dê Kinnr nett. An änn Tohk hängt ä schienês Bild åhn dr Wand: Ä schienes Wiesntohl mit Zieng un Kieh drinnê, uhm åhn dn Barrich Tannê. Es Fritzl ward gans unruhich: „ Dos is ju dr Tuhtnbarrich un dr Gallingsbarrich. Un dortn off dr Wies sänn lautr klähnê Hippêlê.“ Junge , das ist ja eine schlimme Gegend, wo kommst du denn her?“ „Aus Annêrschbarrich!“ rufftr schtrohlnd un vrgisst dodrbei sänn gansn Kummr.